# Bverfg Polizeirecht Gefahrenprognose

> Für Polizeirecht und Gefahrenprognose nach BVerfG-Maßstab: ordnet Norm, Beweislast und Gegenargument; Ergebnis: Prüfprodukt mit Risiko und nächstem Schritt.

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# Polizeirecht und Gefahrenprognose nach BVerfG-Maßstab

## Anwendungsfall

Eine Maßnahme der Polizei, Sicherheitsbehörde oder Nachrichtendienstkontrolle wird mit Gefahrenabwehr begründet: Identitätsfeststellung, Aufenthaltsverbot, Datenerhebung, Online-Durchsuchung, Telekommunikationsüberwachung, Gefährderansprache oder Einsatz besonderer Mittel.

## BVerfG-Anker

- BVerfG, Urteil vom 15.02.2006, 1 BvR 357/05, BVerfGE 115, 118.
- BVerfG, Urteil vom 27.02.2008, 1 BvR 370/07 und 1 BvR 595/07, BVerfGE 120, 274.
- BVerfG, Urteil vom 20.04.2016, 1 BvR 966/09 und 1 BvR 1140/09, BVerfGE 141, 220.
- BVerfG, Beschluss vom 27.05.2020, 1 BvR 1873/13 und 1 BvR 2618/13, BVerfGE 154, 152.
- BVerfG, Beschluss vom 19.11.2021, 1 BvR 781/21 u. a., BVerfGE 159, 223.

## Prüfpfad

1. **Zweck:** Schutz von Leben, Gesundheit, Freiheit, Bestand des Staates, Strafverfolgungsvorsorge oder abstrakte Ordnung? Je diffuser der Zweck, desto strenger die Begründung.
2. **Gefahrenschwelle:** Konkrete Gefahr, hinreichend konkretisierte Gefahr, drohende Gefahr, tatsächliche Anhaltspunkte oder bloße Vorsorge auseinanderhalten.
3. **Prognosebasis:** Tatsachen, Quellen, Aktualität und Plausibilität offenlegen; keine Bauchgefühle als Gefahr ausgeben.
4. **Eingriffsintensität:** Heimlichkeit, Streubreite, Dauer, Datenmenge, Nähe zum Kernbereich und Stigmatisierung gesondert gewichten.
5. **Sicherungen:** Bestimmtheit, Benachrichtigung, Richtervorbehalt, Löschung, Zweckbindung, Protokollierung und unabhängige Kontrolle prüfen.

## Fehlerbremse

Sicherheitsrechtliche Verhältnismäßigkeit scheitert selten am Wort „Sicherheit", aber häufig an zu niedriger Gefahrenschwelle, zu breiter Streuung, fehlender Zweckbindung oder fehlenden Verfahrenssicherungen.

## Gefahrenstufen-Hierarchie (BVerfG-Linie)

| Stufe | Anforderung | Eingriffsintensität zulässig |
|---|---|---|
| **Konkrete Gefahr** | Tatsachen + Wahrscheinlichkeit eines Schadensereignisses im konkreten Fall | hoch (z. B. Wohnungsdurchsuchung, Ingewahrsamnahme) |
| **Hinreichend konkretisierte Gefahr** | Tatsächliche Anhaltspunkte + bestimmbarer Personenkreis | mittel-hoch (z. B. Online-Durchsuchung) |
| **Drohende Gefahr** (Bayern-/BKA-Gesetz-Linie) | Vorfeldermittlung, aber tatsachenbasiert | mittel (verfassungsrechtlich umstritten, BVerfGE 141, 220) |
| **Tatsächliche Anhaltspunkte** | unterhalb konkreter Gefahr | niedrig-mittel |
| **Bloße Vorsorge** | abstrakte Gefährdungsannahme | nur sehr eingriffsschwach (z. B. Statistik, Forschung) |

## Verfahrensrechtliche Sicherungen — der harte Kern

Aus der BKA-Gesetz-Entscheidung (BVerfGE 141, 220) folgen sieben Sicherungen, die bei intensiven Eingriffen sämtlich zu erfüllen sind:

1. **Bestimmtheit der Ermächtigungsgrundlage** — Schutzgut, Voraussetzungen, Mittel ausdrücklich.
2. **Konkrete Gefahrenschwelle** — keine Vorratsmaßnahmen ohne Tatsachenbasis.
3. **Richtervorbehalt** — vorab durch unabhängigen Richter, bei Gefahr im Verzug nachträglich.
4. **Kernbereichsschutz** — Schutz höchstpersönlicher Lebensführung (BVerfGE 109, 279 — Großer Lauschangriff).
5. **Benachrichtigungspflicht** — nach Maßnahmeabschluss, ggf. mit Aufschub.
6. **Löschung und Zweckbindung** — Fristen, Verwendungsbeschränkungen.
7. **Unabhängige Kontrolle** — parlamentarisch (G10-Kommission) oder durch BfDI / LfDI.

## Eingriffstypen mit BVerfG-Spuren

| Maßnahme | Leitentscheidung | Zentrale Anforderung |
|---|---|---|
| Online-Durchsuchung | BVerfGE 120, 274 (2008) | Computer-Grundrecht (Art. 2 I i. V. m. Art. 1 I GG); konkrete Gefahr; Kernbereich; Richtervorbehalt |
| Vorratsdatenspeicherung | BVerfGE 125, 260 (2010); EuGH C-203/15 (Tele2) | Streubreite + Anlasslosigkeit problematisch; höchste Sicherungen |
| Automatisierte Kennzeichenerfassung | BVerfGE 150, 244 (2018) | Verhältnismäßigkeit auch bei Streifenmaßnahmen |
| Heimliche Datenerhebung BKA | BVerfGE 141, 220 (2016) | Sieben-Punkte-Sicherungs-Kanon (siehe oben) |
| Bestandsdatenauskunft | BVerfGE 154, 152 (2020) | Verfassungskonforme Anpassung TKG, BKAG, BPolG |
| Anti-Terror-Datei | BVerfGE 133, 277 (2013) | Bestimmtheit der Datenkategorien, Vernetzung |
| Versammlungsbeschränkung | BVerfGE 69, 315 (Brokdorf, 1985) | Auflage vor Verbot; konkrete Gefahr nötig |

## Anschluss

- Ueberwachungs-Spezial: `ueberwachung-streubreite-vorratsdaten-rasterfahndung`
- Online-Durchsuchung: `online-durchsuchung-bverfge-120-274`
- Versammlung: `versammlungsfreiheit-brokdorf-auflagen-verbot`
- Kreuzberg-Vorform: `preussisches-ovg-kreuzberg-polizeirecht`

## Quellenhygiene

Alle Az. live auf `bundesverfassungsgericht.de` und `dejure.org` verifizieren. Sicherheitsrechtliche Linien ändern sich mit jedem Gesetzgebungsschritt; die Liste oben spiegelt den Stand Mitte 2020er.

