Brand Kit bauen
Schritt 3 von 4. Eingabe ist die Rohfassung aus brandkit-interview, Ausgabe
ein Ordner, mit dem sich arbeiten lässt.
Das eigentliche Problem
Fast jeder Styleguide scheitert nicht am Inhalt, sondern an der Länge. Neunhundert Zeilen liest niemand, auch kein Sprachmodell mit Kontextfenster: Es liest sie, gewichtet aber die zwanzigste Regel wie die erste und trifft dann trotzdem Durchschnittsentscheidungen.
Ein Kit funktioniert, wenn drei Dinge stimmen:
- Die verbindlichen Regeln sind kurz genug, dass sie wirklich gelesen werden.
- Farben und Maße liegen ausführbar vor, nicht nur als Beschreibung.
- Die Regeln greifen von selbst, ohne dass jemand daran denken muss.
Punkt 3 ist der, den alle vergessen. Er ist ein CLAUDE.md im Ordner.
Was entsteht
Brand/
├── CLAUDE.md Arbeitsregeln, greifen automatisch in diesem Ordner
├── BRAND.md die verbindliche Kurzfassung, das Herzstück
├── REFERENCE.md die Rohfassung aus dem Interview, als Nachschlagewerk
├── README.md was wo liegt, plus Starter-Satz für außerhalb
├── brand-helmet.html Farb- und Schrift-Tokens als fertiger CSS-Block
├── brand-props.json Akzentfarbe im Design-Editor umschaltbar
├── wordmark.svg Schriftzug, Standardfall
├── mark.svg quadratische Bildmarke für kleine Flächen
└── beispiel/ lauffähige Referenz mit allen Bausteinen
Lege den Ordner dort an, wo er dauerhaft bleibt, und mache ihn zu einem Git-Repository. Ein Brand Kit ohne Versionsgeschichte verliert man.
BRAND.md, die Kurzfassung
Das ist die wichtigste Datei. Zielgröße: unter 250 Zeilen. Wird sie länger,
wandert Material nach REFERENCE.md.
Bewährter Aufbau:
- Marke in einem Satz plus Persönlichkeit in einer Zeile
- Tokens als Tabelle: Variablenname, Hexwert, Rolle. Dazu die Flächenverteilung in Prozent
- Typografie: die zwei bis drei Rollen und eine Größenskala je Format
- Raster und Abstände: Zahlenreihe, Seitenränder, Radien, Rahmen, Schatten
- Wordmark: welche Datei wann, Mindestgröße, Schutzraum, Verbote
- Bausteine: die wiederkehrenden Elemente mit konkreten Maßen
- Formate: Pixelmaße je Zweck
- Text: Sprache, Ansprache, ein gutes und ein schlechtes Beispiel, die Verbotsliste
- Nicht benutzen: die harte Verbotsliste, visuell
- Prüfliste vor dem Abgeben: zehn Fragen, die sich mit ja oder nein beantworten lassen
Zwei Dinge machen den Unterschied zwischen einem Kit, das wirkt, und einem, das dekoriert:
Prozentangaben statt Adjektive. „Akzentfarbe sparsam einsetzen" ist nicht prüfbar. „Akzentfarbe unter 10 Prozent der Fläche, nie als Sektionshintergrund, nie als Verlauf" ist es.
Konkrete Maße statt Prinzipien. „Großzügige Abstände" hilft niemandem. „Sektionsabstand 96 bis 128 Pixel auf Desktop, 56 bis 72 auf Mobil" schon.
Schreibe die Verbotslisten ausführlich. Sie sind der Teil, der Durchschnitt verhindert, und sie sind billig zu befolgen.
CLAUDE.md, der Mechanismus
Ohne diese Datei muss jemand das Kit bei jeder Sitzung von Hand erwähnen. Mit ihr gelten die Regeln, sobald im Ordner gearbeitet wird.
Sie ist kurz und regelt nur, wie mit den anderen Dateien umzugehen ist:
welche Datei bei Widerspruch gewinnt, dass nur definierte Tokens benutzt werden,
wo die Referenzbeispiele liegen, und dass Änderungen am Kit selbst vorher
abzustimmen sind. Eine Vorlage liegt in assets/CLAUDE.md.template.
Für Arbeit außerhalb des Ordners gehört ein Starter-Satz in die README, den man an den Anfang einer Sitzung kopiert, etwa:
Lies zuerst <PFAD>\BRAND.md und halte dich exakt daran.
Referenz-Artboards: <PFAD>\beispiel\
Das Kit lädt sich nicht von allein. Sag das in der README ausdrücklich, sonst wundert sich die Person beim ersten Mal.
Die ausführbaren Teile
brand-helmet.html enthält den Google-Fonts-Link und einen :root-Block mit
allen Tokens als CSS-Variablen, dazu Grundstile und ein bis zwei
Hilfsklassen für wiederkehrende Rollen (etwa .lbl für technische Labels,
.val für Zahlen in Mono). Vorlage: assets/brand-helmet.html.template.
Der Sinn: Im Layout stehen danach nur noch var(--...), keine rohen Hexwerte.
Eine Farbänderung ist dann eine Zeile statt einer Suche über alle Dateien.
brand-props.json macht die Akzentfarbe in Design-Editoren umschaltbar. Vorsicht bei den Optionen: Bietest du dort funktionale Farben an (Warnung, Fehler), kann jemand den Markenakzent auf die Fehlerfarbe stellen, und positiv und negativ fallen zusammen. Entweder nur Markenfarben anbieten, oder in BRAND.md ausdrücklich schreiben, dass die Umschaltung ein Prüfwerkzeug ist und kein zweiter Markenakzent.
wordmark.svg und mark.svg baust du aus dem Schriftzug, nicht aus Symbolen. Verzichte auf Roboter, Gehirne, Platinen und Verlaufskugeln, außer die Marke verlangt sie ausdrücklich.
Ein Fallstrick, der später weh tut: Ein SVG mit <text> braucht die Schrift auf
dem anzeigenden Gerät. Im Browser mit geladenem Google Font stimmt das, im
Druck oder in Illustrator greift die Ersatzschrift. Schreibe in die README, dass
die Wordmark in Pfade umgewandelt werden muss, sobald sie den Browser verlässt.
beispiel/, die Referenz
Baue mindestens zwei lauffähige Beispielflächen, die alle Bausteine in den richtigen Maßen zeigen, typischerweise Desktop und Mobil. Das ist der Teil, der am meisten Arbeit macht und am meisten spart: Beim nächsten Mal wird kopiert statt neu erfunden.
Kennzeichne Beispieldaten klar als solche. Erfundene Zahlen aus einem Referenz-Artboard landen sonst auf einer echten Seite.
Verdichten, nicht kürzen
Beim Weg von der Rohfassung zu BRAND.md gilt:
- Behalte jede Zahl, jeden Hexwert, jedes Maß, jede Verbotsliste.
- Streiche Begründungen, Herleitungen, Wiederholungen und alles, was zweimal dasteht. Es bleibt in REFERENCE.md erhalten.
- Verwandle Prosa in Tabellen. „Die Hauptüberschrift ist 52 Pixel groß und wird in der Display-Schrift gesetzt" wird eine Tabellenzeile.
Was in der Rohfassung offen blieb, bleibt auch hier offen. Schreibe hin, dass es offen ist. Erfinde keinen plausiblen Wert, um eine Lücke zu füllen: Er wird sonst wie eine Entscheidung behandelt, die nie jemand getroffen hat.
Zum Schluss
Gehe die Prüfliste, die du gerade geschrieben hast, einmal gegen die Referenz-Artboards durch. Wenn dein eigenes Beispiel deine eigene Prüfliste nicht besteht, stimmt eines von beiden nicht.
Berichte dann kurz: was entstanden ist, wo es liegt, wie lang BRAND.md geworden
ist, und was noch offen blieb. Verweise auf brandkit-publish für das Bauen mit
dem Kit.