Absolute Grenze: Menschenwuerde Art 1 I GG
Die Menschenwuerde ist die einzige Norm im Grundgesetz, die jeder Abwaegung entzogen ist. Wo sie verletzt ist, endet die Verhältnismäßigkeitspruefung – ohne Stufe 4.
Dogmatik
- Art 1 I 1 GG: "Die Wuerde des Menschen ist unantastbar."
- Art 79 III GG: Änderungsfest (Ewigkeitsklausel).
- Wesensgehaltsgarantie Art 19 II GG plus absolute Stellung im Vorspann.
- Doppelte Funktion: Abwehrrecht und Schutzpflicht.
Objektformel des BVerfG
Eine Verletzung liegt vor, wenn der Mensch zum blossen Objekt staatlichen Handelns gemacht wird, dh wenn die Subjektqualitaet des Einzelnen prinzipiell in Frage gestellt wird.
- Begruendet in BVerfGE 27, 1 (Mikrozensus-Urteil) und vertieft in BVerfGE 30, 1 (Abhoer-Urteil).
- Aktuelle Anwendung: BVerfGE 115, 118 (Luftsicherheitsgesetz-Urteil) – Abschuss eines mit Unbeteiligten besetzten Flugzeugs verletzt die Wuerde der Passagiere.
Anwendungsgebiete
| Konstellation | BVerfG mit Schlagwort | Rechtsfolge |
|---|---|---|
| Folter, erniedrigende Behandlung | BVerfGE 1, 332 (Schubhaft) und staendige Rspr | Absolutes Verbot |
| Aufopferung Unbeteiligter | BVerfGE 115, 118 (Luftsicherheitsgesetz) | Abschuss-Ermaechtigung verfassungswidrig |
| Lebenslange Freiheitsstrafe | BVerfGE 45, 187 (Lebenslange Freiheitsstrafe) | Nur mit realer Aussicht auf Wiedererlangung der Freiheit |
| Existenzminimum | BVerfGE 125, 175 (Hartz IV); BVerfGE 132, 134 (Asylbewerberleistungen) | Sozialleistungen müssen menschenwuerdiges Existenzminimum sichern |
| Sicherungsverwahrung ohne Therapie | BVerfGE 109, 133 (Sicherungsverwahrung I); BVerfGE 128, 326 (Sicherungsverwahrung II) | Verfassungswidrig ohne Abstandsgebot und Therapieangebot |
| Online-Durchsuchung in Intimbereich | BVerfGE 120, 274 (Online-Durchsuchung) | Kernbereichsschutz, Loeschungspflicht |
| Aufklaerung NSA-Massueberwachung | BVerfGE 154, 152 (Bestandsdatenauskunft II); BVerfGE 154, 17 (BND-Auslandsaufklaerung) | Strikte Eingriffsschwellen |
Vorgehen in der Prüfung
- Eingriff unstreitig oder offen lassen.
- Anwendung der Objektformel: Wird der Betroffene zum blossen Objekt?
- Wenn ja: Prüfung endet hier, Gesetz oder Maßnahme ist verfassungswidrig.
- Wenn nein: Prüfung verlaeuft normal weiter mit Stufe 4 Angemessenheit.
Grenzen der Objektformel
- Nicht jeder schwerwiegende Eingriff verletzt die Wuerde – sonst waere Art 1 I GG inflationiert.
- Beispiel BVerfGE 109, 279 (Großer Lauschangriff): Wohnraumueberwachung verletzt Art 13 I GG, aber nicht ohne weiteres Art 1 I GG, sofern Kernbereich gewahrt ist.
Verbindung
Siehe absolute-grenze-wesensgehalt-art-19-ii-gg und absolute-grenze-existenzminimum. Diese drei Grenzen markieren die unverfuegbaren Punkte der Verhältnismäßigkeitspruefung.
Quellen mit Schlagwort
- BVerfGE 1, 332 (Folter und erniedrigende Behandlung)
- BVerfGE 27, 1 (Mikrozensus-Urteil)
- BVerfGE 30, 1 (Abhoer-Urteil, Objektformel)
- BVerfGE 45, 187 (Lebenslange Freiheitsstrafe)
- BVerfGE 109, 133 (Sicherungsverwahrung I)
- BVerfGE 109, 279 (Großer Lauschangriff)
- BVerfGE 115, 118 (Luftsicherheitsgesetz)
- BVerfGE 120, 274 (Online-Durchsuchung, Kernbereichsschutz)
- BVerfGE 125, 175 (Hartz IV, Existenzminimum)
- BVerfGE 128, 326 (Sicherungsverwahrung II)
- BVerfGE 132, 134 (Asylbewerberleistungsgesetz)
- BVerfGE 154, 17 (BND-Auslandsaufklaerung)
- BVerfGE 154, 152 (Bestandsdatenauskunft II)