Belgien Redelijkheid und Evenredigheid
Verfassungsrahmen
Die Belgische Grondwet von 1831 (revidiert 1994) schuetzt klassische Freiheitsrechte in Titel II (Art 8 bis 32 GW). Wesentlich:
- Art 10 und 11 GW: allgemeiner Gleichheitssatz und Diskriminierungsverbot; von der Cour constitutionnelle als Einfallstor für Verhältnismäßigkeitspruefung genutzt.
- Art 22 GW: Privatleben.
- Art 23 GW: wirtschaftliche und soziale Rechte (standstill-Wirkung).
Wichtiger Maßstab in der Praxis ist die EMRK (insbes Art 8 bis 11), die über den Vorrang voelkerrechtlicher Verträge (Cass 27 mei 1971 Le Ski) unmittelbar anwendbar und Prüfungsmassstab ist.
Cour constitutionnelle / Grondwettelijk Hof
Das Verfassungsgericht prüft Eingriffe nach Art 10 und 11 GW im dreistufigen Test:
- objectief en redelijk verantwoord onderscheid: legitime Differenzierung mit objektiver Grundlage,
- passend / geschikt middel: Geeignetheit zum Zweck,
- evenredig / proportioneel: kein unverhaeltnismaessiges Opfer des Betroffenen.
Leading cases:
- GwH arrest nr 23/89 (Verhältnismäßigkeitsdogmatik formuliert),
- GwH arrest nr 39/91 (objectief en redelijk verantwoord),
- GwH arrest nr 116/2017 (vrijwillige zwangerschapsafbreking),
- GwH arrest nr 96/2018 (Bevoegdheid en evenredigheid Energiewende).
Raad van State / Conseil d Etat
Die Verwaltungsgerichtsbarkeit prüft Verwaltungsakte über redelijkheidstoets (kennelijke onredelijkheid / erreur manifeste) und evenredigheidstoets (proportionnalite stricto sensu). Die Kontrolldichte variiert mit der Eingriffsintensitaet (parallel zu Frankreich Conseil d Etat).
Foederalismus und Bevoegdheidsoverschrijding
Belgischer Sonderfall: das Grondwettelijk Hof prüft regelmaessig die Kompetenzverteilung zwischen Foederalstaat und Gemeinschaften / Regionen. Ergebnis: Eingriffe müssen nicht nur verhaeltnismaessig sein, sondern auch in der eigenen Bevoegdheidssfeer liegen. Verstoesst eine Norm gegen die Kompetenzordnung, wird sie auch ohne Grundrechtspruefung kassiert.
Strukturunterschiede
| Deutschland | Belgien |
|---|---|
| Vier Stufen sequenziell | Dreistufiger Test des Grondwettelijk Hof |
| Wesensgehalt Art 19 II GG | Standstill-Wirkung Art 23 GW; kein expliziter Wesensgehalt |
| Schutzbereich-Eingriff-Rechtfertigung getrennt | Prüfung über Art 10 11 GW als Eingangsnorm |
| Foederalstaat klar nach Art 70 ff GG | Foederalismus mit Bevoegdheidsoverschrijding-Prüfung als eigene Stufe |
| Praktische Konkordanz | Belangenafweging / mise en balance |
| Untermassverbot ausgeprägt | Standstill-Verbot Art 23 GW als funktionelles Pendant |
Bedeutung für den Prüfer
Bei belgischen Bezuegen:
- Verhältnismäßigkeitspruefung über Art 10 11 GW als Einfallstor.
- EMRK (Art 8 bis 11) als unmittelbar wirkenden Prüfungsmassstab einbinden.
- Bei Sozialgrundrechten Standstill-Wirkung Art 23 GW als Schranken-Schranke nennen.
- Bei Verwaltungsstreitigkeiten Doppelbahnigkeit (GwH und RvS / Conseil d Etat) beachten.
- Foederalismus-Konflikte separat prüfen.
Live-Recherche-Disclaimer
Arrest-Volltexte vor Zitierung verifizieren über const-court be / grondwettelijk-hof be und juridat be. Raad van State / Conseil d Etat über raadvst-consetat be. Arrest-Nummerierung Nummer/Jahr; bei zweisprachigen Veroeffentlichungen NL und FR im Vergleich prüfen.