EGMR EMRK Verhältnismäßigkeit
Normtext (Beispiel Art 8 II EMRK)
There shall be no interference by a public authority with the exercise of this right except such as is in accordance with the law and is necessary in a democratic society in the interests of national security, public safety or the economic well-being of the country, for the prevention of disorder or crime, for the protection of health or morals, or for the protection of the rights and freedoms of others.
Parallelstrukturen finden sich in Art 9 II (Religion), Art 10 II (Meinungs- und Pressefreiheit) und Art 11 II EMRK (Versammlung und Vereinigung).
Drei-Stufen-Prüfung des EGMR
Der Gerichtshof prüft Eingriffe in qualifizierte EMRK-Rechte nach festem Schema:
- In accordance with the law / prescribed by law: formelle Rechtsgrundlage mit hinreichender Bestimmtheit, Zugaenglichkeit und Vorhersehbarkeit. Leading case: Sunday Times v United Kingdom (1979) Series A no 30.
- Legitimate aim: einer der in Absatz 2 abschliessend genannten Zwecke (national security, public safety, etc).
- Necessary in a democratic society: die Maßnahme entspricht einem pressing social need, ist proportionate to the legitimate aim pursued und wird mit relevant and sufficient reasons begruendet. Leading case: Handyside v United Kingdom (1976) Series A no 24.
Notion necessary in a democratic society
Der EGMR hat in Handyside klargestellt, dass necessary nicht indispensable und nicht admissible oder ordinary meint, sondern eine mittlere Schwelle: pressing social need. Die Prüfung umfasst drei Substufen:
- rationaler Zusammenhang Mittel zu Ziel,
- least restrictive means in Substanzpruefung (weniger streng als Oakes minimal impairment),
- fair balance zwischen Allgemein- und Individualinteresse.
Margin of appreciation
Der EGMR raeumt den Konventionsstaaten einen margin of appreciation ein, dessen Weite vom geprueften Recht, dem Eingriffsanlass und dem Konsens unter den Vertragsstaaten abhaengt.
- Eng: bei intimen Lebensbereichen (Dudgeon v UK 1981), bei Berichterstattung über Personen oeffentlichen Interesses (Von Hannover v Germany 2004), bei diskriminierenden Eingriffen aufgrund sensibler Merkmale.
- Weit: bei Moralfragen (Handyside), bei religioes-symbolischen Konflikten (Sahin v Turkey 2005, S A S v France 2014), bei sozial- und wirtschaftspolitischen Regelungen (James v UK 1986).
Konsens-Argument (European consensus) verengt den margin; fehlender Konsens weitet ihn.
Fair balance
In Eingriffsfaellen prüft der EGMR, ob das innerstaatliche Spruchkoerper-Ergebnis einen fair balance zwischen kollidierenden Interessen wahrt. In positive obligation Faellen prüft er, ob der Staat ausreichend zum Schutz aktiv geworden ist (Soering-Linie, Z v Finland, Oeneryildiz v Turkey).
Strukturell vergleichbar mit deutscher praktischer Konkordanz und Untermassverbot.
Wechselwirkung mit deutscher Dogmatik
Das BVerfG hat in BVerfGE 111, 307 (Goerguelue) entschieden, dass die EMRK und EGMR-Urteile bei der Auslegung deutscher Grundrechte zu beruecksichtigen sind (voelkerrechtsfreundliche Auslegung). Daraus folgt:
- EGMR-Massstaebe sind Auslegungsmaterial für Art 1-19 GG, nicht unmittelbar geltendes Verfassungsrecht.
- Bei Divergenz hat das BVerfG den Vorrang, muss aber sein Abweichen begruenden (Sicherungsverwahrung-Beschluss BVerfGE 128, 326 nach M v Germany 2009).
- Caroline-Linie (Caroline von Hannover v Germany 2004) hat die deutsche Persoenlichkeitsrechts- und Pressefreiheitsdogmatik veraendert.
Strukturunterschiede
| Deutschland | EGMR / EMRK |
|---|---|
| Vier Stufen sequenziell | Drei Stufen mit innerer Substruktur |
| Wesensgehalt Art 19 II GG | Kein expliziter Wesensgehalt; abwaegungsfeste Kerne nur in absoluten Rechten (Art 3 EMRK) |
| Menschenwuerde Art 1 I GG abwaegungsfest | Art 3 EMRK (Folterverbot) ist absolut, kein Eingriffsvorbehalt |
| Einschaetzungspraerogative national | Margin of appreciation supranational |
| Praktische Konkordanz | Fair balance |
| Untermassverbot ausgeprägt | Positive obligations punktuell, weniger systematisiert |
Bedeutung für den Prüfer
Bei der Anwendung im deutschen Schriftsatz:
- Bei Eingriffen in Art 8, 9, 10, 11 EMRK Pendants im GG identifizieren (Art 8 EMRK / Art 2 I iVm Art 1 I GG und Art 13 GG; Art 10 EMRK / Art 5 GG; Art 11 EMRK / Art 8 GG).
- Necessary in a democratic society als Auslegungshilfe für Verhältnismäßigkeit nutzen, nicht ersetzen.
- Margin of appreciation Argumente können die deutsche Diskussion über Einschaetzungspraerogative verstaerken oder relativieren.
- Bei sensiblen Materien (Religion, sexuelle Identitaet, Privatheit) prüfen, ob EGMR-Linie den deutschen Spielraum begrenzt.
Live-Recherche-Disclaimer
EGMR-Urteile vor Zitierung verifizieren über HUDOC (hudoc.echr.coe.int). Aktenzeichen (Application Number), Datum und Spruchkoerper (Chamber / Grand Chamber) im Original prüfen. Series-A-Nummerierung wurde 1996 durch ECHR-Reports abgeloest; zwischen alter und neuer Zitierform unterscheiden.