Halluzinations-Handhabung
Arbeitsweg
- Rolle, Ziel und gewünschtes Arbeitsprodukt klären: Wer handelt, welche Entscheidung steht an, welche Frist läuft und welcher Output wird gebraucht?
- Fristen und Eilrisiken zuerst markieren: nur die Fristen des konkreten Rechtsgebiets und der Akte verwenden; Widerspruch, Klage, Einspruch, Rechtsmittel, Verjährung, Verwirkung, Rüge-, Anzeige-, Anmelde- und Ausschlussfristen strikt trennen und nie aus einem anderen Fachgebiet übernehmen.
- Tragende Normen verifizieren: BRAO, BORA, FAO, BNotO, StBerG, WPO, PAO; DSGVO — Fundstellen über gesetze-im-internet.de, dejure.org, openJur, BVerfG-/BGH-/EuGH-Datenbank live prüfen; keine Modellwissen-Zitate.
- Zuständige Stelle bestimmen und Adressaten richtig wählen: Mandant, Gegner, zuständige Behörde oder Gericht, Sachverständige, ggf. EU-/internationale Stelle (siehe Skill-Detail).
- Dokumente und Beweismittel sammeln und auf Lücken prüfen: Verwaltungsakte, Vertragsurkunden, Schriftsätze, Bescheide, Protokolle, Sachverständigengutachten und externe Beweismittel des Fachgebiets — fehlende Belege durch Akteneinsicht oder Rückfrage beim Mandanten beschaffen, Live-Check für tagesaktuelle Normänderungen und Verwaltungspraxis.
Spezialwissen
Das sogenannte "Halluzinieren" von KI-Systemen — die Erzeugung von nicht existierenden, aber plausibel wirkenden Zitaten, Gerichtsentscheidungen und Fundstellen — ist das größte praktische Haftungsrisiko beim Einsatz von KI-Systemen in der anwaltlichen Arbeit. Die eiserne Regel lautet: Jede einzelne Fundstelle aus einem KI-System ist ausnahmslos zu verifizieren.
Rechtlicher Hintergrund
Rechtsprechung live prüfen: Keine Entscheidung aus Modellwissen zitieren; vor Ausgabe über amtliche oder frei zugängliche Quelle mit Gericht, Entscheidungsform, Datum, Aktenzeichen und tragender Aussage verifizieren.
Strategische Optionen (vor dem Template entscheiden)
Bevor das Template eins-zu-eins gefuellt wird, ist zu prüfen welche Variante zur Mandantenkonstellation passt. Das Template ist eine moegliche Form — nicht die einzige.
| Konstellation | Empfohlener Weg |
|---|---|
| Standard — Halluzinations-Prüfprotokoll für KI-Output erstellen | Prüfprotokoll nach Schema; Template unten |
| Variante A — Halluzination in bereits versandtem Dokument | Fehlerkorrektur-Protokoll; Mandant sofort informieren |
| Variante B — Prüfung nicht möglich keine Originalquellen | Quellenangaben-Luecke dokumentieren; Vorbehalt in Dokument |
| Variante C — Routinemäßige Qualitaetssicherung kein Einzelfall | Systematisches Prüfverfahren einrichten; Checkliste standardisieren |
Wenn die Mandantenkonstellation nicht ins Standardschema passt, ist das Template anzupassen oder durch ein anderes Skill abzuloesen — nicht das Mandat in das Schema zu pressen.
Vorlagentext / Bausteine
Baustein Quellenprüfungspflicht: Alle von KI-Systemen generierten Fundstellen, Zitate, Gesetzesangaben und Rechtsprechungshinweise sind vor ihrer Verwendung in Schriftsätzen, Gutachten oder Beratungsunterlagen ausnahmslos anhand der Originalquelle zu verifizieren. KI-Systeme können Fundstellen erfinden, die nicht existieren. Ein Unterlassen der Prüfung stellt eine Verletzung der anwaltlichen Sorgfaltspflicht nach § 43 BRAO dar und kann Haftungsansprüche des Mandanten begründen.
Baustein Vier-Augen-Prinzip: Schriftsätze, die unter wesentlicher Mitwirkung von KI-Systemen erstellt wurden, sind vor Einreichung bei Gericht oder Weitersendung an Mandanten von einer zweiten Person inhaltlich zu überprüfen. Dabei ist besonderes Augenmerk auf die Korrektheit aller Zitate und Fundstellen zu legen.
Baustein Dokumentationsprotokoll: Für jeden Schriftsatz oder jede Beratungsunterlage, bei der KI-Systeme wesentlich mitgewirkt haben, wird ein Prüfprotokoll angelegt mit folgenden Angaben: Datum der Prüfung, Name der prüfenden Person, geprüfte Fundstellen und Verifikationsquelle, Ergebnis der Prüfung.
--- vor Versand klären ---
- Welches Verhandlungsziel hat der Mandant? [Durchsetzung des Anspruchs / Vergleich / Reputationsschutz / schnelle Loesung]
- Welche Kompromisslinien sind absolut? [Mindestforderung / Zeitrahmen / Formerfordernis]
- Sind Anschlusswege erwuenscht? [Mediation / Direktgesprach / Einigung vor Fristablauf]
Schlussabsatz Variante A (kooperativ): Wir regen eine guetliche Einigung an und stehen für ein klärenden Gesprach zur Verfuegung. Eine einvernehmliche Loesung erspart beiden Seiten Zeit und Kosten.
Schlussabsatz Variante B (formal-streng): Eine aussergerichtliche Einigung kommt nur in Betracht wenn die Gegenseite innerhalb von [X] Tagen einen akzeptablen Vorschlag unterbreitet. Anderenfalls werden wir alle rechtlichen Schritte einleiten.
Hinweise zur Aktualisierung
Gerichtliche Entscheidungen zum Umgang mit KI-generierten Fundstellen (insbesondere Entscheidungen zum Prozessbetrug oder zur anwaltlichen Haftung) sind laufend zu beobachten und in die Schulungsunterlagen aufzunehmen. BRAK und DAV werden ihre Stellungnahmen weiterentwickeln.
Zentrale Normen (Paragrafenkette)
- § 43 BRAO — Gewissenhafte Berufsausuebung (Sorgfaltspflicht)
- § 263 StGB — Prozessbetrug bei wissentlich falschen Angaben
- § 138 ZPO — Wahrheitspflicht der Parteien
- § 280 BGB — Schadensersatz bei Verletzung anwaltlicher Sorgfaltspflichten
- Art. 5 Abs. 1 lit. d DSGVO — Richtigkeit der verarbeiteten Informationen
Triage zu Beginn
- Wurden alle KI-generierten Rechtsprechungs-Fundstellen gegen amtliche Quellen verifiziert?
- Ist ein Vier-Augen-Prüfungsprozess für Schriftsaetze mit KI-Inhalten etabliert?
- Wurden Mitarbeiter auf Halluzinations-Risiken und die OLG-Koblenz-Linie hingewiesen?
- Gibt es ein Protokoll-System zur Dokumentation der Prüfvorgaenge?
- Werden KI-generierte Abschnitte im internen Arbeitsexemplar gekennzeichnet?
- Was will der Mandant wirklich erreichen? (Nicht: was steht im Standardweg, sondern: welches Ergebnis ist für den Mandanten persoenlich/wirtschaftlich das beste? Manchmal ist der schnellere Vergleich besser als der formal "richtige" Weg.)
Output-Template — Halluzinations-Prüfprotokoll
Adressat: Kanzlei intern — Tonfall: strukturiert, dokumentierend
HALLUZINATIONS-PRUEFPROTOKOLL
[DATUM] — [AKTENZEICHEN] — Sachbearbeiter: [NAME]
Schriftsatz: [BEZEICHNUNG] — Datum: [DATUM]
KI-generierte Abschnitte:
1. [ABSCHNITT / FUNDSTELLE — KI-Behauptung: BESCHREIBUNG]
Verifiziert gegen: [QUELLE: juris / Beckonline / EUR-Lex / amtliche Sammlung]
Ergebnis: [KORREKT / FEHLERHAFT — Korrektur: BESCHREIBUNG / NICHT GEFUNDEN — GESTRICHEN]
2. [WEITERE ABSCHNITTE analog]
Vier-Augen-Pruefung:
Geprueft von: [ZWEITE PERSON]
Datum: [DATUM]
Freigabe für Versand: [JA / NEIN — Korrekturbedarf: BESCHREIBUNG]
Ausformulierungspflicht und Formatstandard. Das Endprodukt wird in vollständigen, ausformulierten Sätzen geliefert — keine Stichwortskelette, keine leeren Klauselrümpfe, keine reinen Aufzählungen. Klauseln stehen als ausformulierte Rechtsfolgen-Sätze; Platzhalter wie
[Name der Mandantin]werden klar markiert, der umgebende Text bleibt vollständig.Schriftbild: Wenn ein Schriftsatz, Vertrag, Memo, Beschluss, Vermerk oder sonstiges Enddokument als DOCX, PDF oder formatierter Text ausgegeben wird, ist Times New Roman 11 pt als Grundschrift zu verwenden. Überschriften bleiben in derselben Schrift und dürfen nur fett oder abgestuft sein. Bei reiner Markdown- oder Chat-Ausgabe wird dieser Formatwunsch als Exporthinweis aufgenommen.
Nummerierung: Gliederung ausschließlich dezimal (
1,1.1,1.1.1und so weiter). Keine römischen Ziffern, keine Buchstaben- oder Mischgliederung.
Quellenregel: Entscheidungen nur nach Prüfung einer amtlichen oder frei zugänglichen Quelle mit Gericht, Entscheidungsform, Datum, Aktenzeichen und tragender Aussage ausgeben.