Kanada Oakes-Test: Fallmatrix
Anwendungsfall
Ein Schriftsatz, Gutachten oder Seminarpapier soll zeigen, wie der Supreme Court of Canada Eingriffe in Charter-Rechte durch den Oakes-Test diszipliniert. Der Vergleich dient als Denkwerkzeug, nicht als Ersatz für Art. 1 bis 19 GG und die BVerfG-Rechtsprechung.
Leitentscheidungen im Überblick
| Fall | Jahr | Charter-Recht | Ergebnis | Tragender Prong |
|---|---|---|---|---|
| R v Oakes | 1986 | s 11 (d) Unschuldsvermutung | verfassungswidrig | rational connection |
| Edwards Books and Art Ltd | 1986 | s 2 (a) Religionsfreiheit | verhaeltnismaessig | minimal impairment (Deferenz) |
| Irwin Toy | 1989 | s 2 (b) Aeusserungsfreiheit | verhaeltnismaessig | minimal impairment (vulnerable group) |
| RJR-MacDonald | 1995 | s 2 (b) kommerzielle Aeusserung | verfassungswidrig | minimal impairment, Beweisbasis |
| Hutterian Brethren | 2009 | s 2 (a) Religionsfreiheit | verhaeltnismaessig | proportionality of effects |
| Bedford v Canada | 2013 | s 7 life, liberty, security | verfassungswidrig | overbreadth / grossly disproportionate |
| Carter v Canada | 2015 | s 7 life, liberty, security | verfassungswidrig | overbreadth |
R v Oakes [1986] 1 SCR 103
David Oakes wurde unter dem Narcotic Control Act mit der gesetzlichen Vermutung konfrontiert, dass jeder Besitz von Betaeubungsmitteln auch Handelsabsicht impliziert (reverse onus). Der SCC entwickelte den Prüfraster und befand, dass kein rationaler Zusammenhang zwischen bloss em Besitz und Handelsabsicht besteht: die reverse onus erfasst auch kleinste Mengen und ist daher nicht rational.
Bedeutung für den Prüfer: Wenn der gesetzliche Schluss von Indiz auf Tatbestand zu weit greift, scheitert bereits die Geeignetheit. Pendant zur deutschen Diskussion um Beweislastumkehr und Indizregelungen.
Edwards Books and Art Ltd v The Queen [1986] 2 SCR 713
Ontario Retail Business Holidays Act verbot Sonntagsoeffnung mit Ausnahmen für kleine Geschäfte und juedische Haendler mit Samstagsruhe. Die Maehrheit hielt das Gesetz für verhaeltnismaessig: der Gesetzgeber darf bei komplexen sozialpolitischen Materien einen Gestaltungsspielraum beanspruchen, solange die Ausnahmen die Belastung mildern.
Bedeutung für den Prüfer: Vergleichbar mit BVerfGE 50, 290 (Mitbestimmung) zur Einschaetzungspraerogative bei komplexer Wirtschafts- und Sozialregulierung. Argument für Deferenz bei mehrpoliger Abwaegung.
RJR-MacDonald Inc v Canada [1995] 3 SCR 199
Tobacco Products Control Act verbot Tabakwerbung umfassend. Die Mehrheit befand: kommerzielle Aeusserung ist von Section 2 (b) geschuetzt; die Regierung hatte nicht hinreichend nachgewiesen, dass ein totales Werbeverbot mildester Eingriff sei. Verfassungswidrig auf minimal impairment.
Bedeutung für den Prüfer: Der SCC verlangt belastbare empirische Begruendung. Pendant zu BVerfG-Anforderungen an Prognosegrundlagen (vgl. BVerfGE 50, 290; BVerfGE 121, 317 Nichtraucherschutz).
Alberta v Hutterian Brethren of Wilson Colony [2009] 2 SCR 567
Provinz Alberta verlangte Lichtbild auf jedem Fuehrerschein zur Bekaempfung von Identitaetsdiebstahl. Die Hutterer wandten ein, dass ihre Religion Lichtbilder verbietet. McLachlin CJ: minimal impairment ist gewahrt, da die Provinz keine gleich effektive mildere Datensicherungsalternative hat; und die proportionality of effects fiel zugunsten des Staates aus.
Bedeutung für den Prüfer: Wichtige Korrektur an minimal impairment. Der SCC verlagert Gewicht auf die Endabwaegung. Pendant zur deutschen Diskussion, dass Angemessenheit nicht in Erforderlichkeit aufgehen darf.
Canada v Bedford [2013] 3 SCR 1101
Drei Bestimmungen des Criminal Code rund um Prostitution (bawdy houses, living off the avails, communicating) wurden auf Section 7 geprueft. Der SCC: alle drei Normen waren grossly disproportionate oder overbroad und damit nicht in Einklang mit principles of fundamental justice. Verfassungswidrig.
Bedeutung für den Prüfer: Innerhalb von Section 7 hat der SCC eigene Prüfkategorien (arbitrariness, overbreadth, groß disproportionality) entwickelt, die teilweise Section 1 vorgelagert sind. Pendant zur deutschen Diskussion über strukturelle Inkonsequenz im Eingriffsrecht und über Schutzpflichten gegenueber besonders verletzlichen Gruppen.
Carter v Canada [2015] 1 SCR 331
Strafrechtliches Verbot der aktiven Sterbehilfe wurde an Section 7 geprueft. Der SCC: das absolute Verbot ist overbroad, weil es auch kompetente Erwachsene mit irreversiblem Leiden trifft, die freiwillig um Sterbehilfe ersuchen. Verfassungswidrig.
Bedeutung für den Prüfer: Parallelfall zu BVerfGE 153, 182 (Verbot geschaeftsmaessiger Sterbehilfe). Beide Gerichte arbeiten mit dem Argument, dass Pauschalverbote durch ihre Reichweite die Verhältnismäßigkeit verletzen.
Uebertragung in die deutsche Arbeitsweise
| Oakes-Prong | Deutsche Entsprechung |
|---|---|
| Pressing and substantial objective | legitimer Zweck mit Gewicht |
| Rational connection | Geeignetheit |
| Minimal impairment | Erforderlichkeit, mildestes Mittel |
| Proportionality of effects | Angemessenheit, Abwaegung im engeren Sinne |
| Prescribed by law | Gesetzesvorbehalt, Bestimmtheit Art 20 III GG |
| Section 7 overbreadth | strukturelle Unverhaeltnismaessigkeit, Pauschalverbot |
| Section 7 arbitrariness | fehlender rationaler Bezug, Willkuerverbot |
Fehlerbremse
- Nicht behaupten, der Oakes-Test gelte in Deutschland. Der Vergleich hilft nur, methodische Alternativen sichtbar zu machen.
- Section 7 Prüfkategorien (overbreadth, arbitrariness, groß disproportionality) sind nicht identisch mit deutschen Begriffen und dürfen nicht ungeprueft übersetzt werden.
- Notwithstanding Clause Section 33 hat keine Entsprechung; im rechtsvergleichenden Argument nicht uebersehen, dass kanadische Charter-Rechtsprechung gesetzgeberisch ueberschrieben werden kann.
- Deutsche Ergebnisse müssen am Ende mit BVerfG-Dogmatik begruendet werden.
Live-Recherche-Disclaimer
SCC-Entscheidungen vor Zitierung im Schriftsatz verifizieren über CanLII (canlii.org) oder Lexum (scc-csc.lexum.com). Aktenzeichen und Fundstellenformat (Year SCR Band Seite) im Original prüfen.