Oesterreich VfGH Verhältnismäßigkeit
Verfassungsrahmen
Das Bundes-Verfassungsgesetz (B-VG) von 1920 / 1929 (Wiederinkrafttretung 1945) verteilt den Grundrechtsschutz auf mehrere Ebenen:
- Staatsgrundgesetz 1867 (StGG) über die allgemeinen Rechte der Staatsbuerger,
- EMRK seit 1964 im Verfassungsrang (BGBl Nr 59/1964),
- moderne Grundrechte (z B Datenschutz DSG, Art 1 Bundesverfassung).
Eingriffsbefugnisse stehen unter Gesetzesvorbehalt (formelles Bundesgesetz oder Landesgesetz). Prüfung erfolgt über Art 140 B-VG (Normenkontrolle) oder über Erkenntnisbeschwerden.
Drei Stufen des VfGH
Der Verfassungsgerichtshof prüft Eingriffe im Sachlichkeitsgebot (Art 7 B-VG / Art 2 StGG) und über die EMRK in einer der deutschen Lehre sehr nahen Form:
- Eignung: das Mittel ist geeignet das oeffentliche Interesse zu erreichen.
- Erforderlichkeit: kein gleich wirksames milderes Mittel.
- Adaequanz / Verhältnismäßigkeit im engeren Sinn: kein ueberlastetes Verhältnis zwischen Eingriff und Zweck.
Leading cases:
- VfSlg 11.853/1988 (Methodische Verankerung der Verhältnismäßigkeitspruefung im Sachlichkeitsgebot),
- VfSlg 12.485/1990 (Tabakwerbung),
- VfSlg 14.802/1997 (Sicherheitsbehoerdliche Maßnahmen),
- VfSlg 15.394/1998 und 17.071/2003 (Datenschutz und Telekommunikationsueberwachung),
- VfSlg 20.397/2020 G 247/2019 (COVID-Lockdown),
- VfSlg 20.310/2019 G 144/2018 (Glaubens- und Gewissensfreiheit).
Verfassungsrang der EMRK
Die EMRK gilt in Oesterreich im Verfassungsrang. Der VfGH integriert EGMR-Massstaebe unmittelbar in die Verfassungspruefung. Bei Eingriffen in Art 8 bis 11 EMRK prüft er identisch mit dem EGMR (necessary in a democratic society) und ueberlagert das nationale Sachlichkeitsgebot.
Wesensgehalt und Funktionsschutz
Der VfGH operiert nicht mit einem expliziten Wesensgehaltsbegriff wie Art 19 II GG, hat aber eine Funktionsschutz-Lehre entwickelt: gesetzliche Regelungen dürfen das Grundrecht nicht in seinem Wesen entleeren. Funktionsschutz ist insbesondere bei Eigentum (Art 5 StGG / Art 1 ZP 1 EMRK) und Erwerbsfreiheit (Art 6 StGG) etabliert.
Strukturunterschiede
| Deutschland | Oesterreich |
|---|---|
| Vier Stufen sequenziell | Drei Stufen Eignung Erforderlichkeit Adaequanz |
| Wesensgehalt Art 19 II GG | Funktionsschutz / Sachlichkeitsgebot |
| EMRK als Auslegungsmaterial (über Goerguelue) | EMRK im Verfassungsrang |
| Schutzbereich-Eingriff-Rechtfertigung getrennt | Integrierte Prüfung im Erkenntnis |
| Einschaetzungspraerogative national | Rechtspolitischer Gestaltungsspielraum, kontrolliert über Sachlichkeit |
| Praktische Konkordanz | Abwaegung im engeren Sinn |
| Untermassverbot ausgeprägt | Schutzpflichtenlehre über Art 2 8 EMRK |
Bedeutung für den Prüfer
Bei oesterreichischen Bezuegen:
- Verhältnismäßigkeit als Drei-Stufen-Test mit ausdruecklicher Begruendung formulieren; deutsche Vier-Stufen-Prüfung übersetzbar.
- EMRK direkt zitieren, nicht über den Goerguelue-Umweg.
- Sachlichkeitsgebot Art 7 B-VG als zentrale Verankerung benennen.
- Bei COVID-Beschluessen VfSlg 20.397/2020 ff als methodisches Standardzitat.
- Bei datenschutzrechtlichen Eingriffen Art 1 DSG (Grundrechtscharakter) beachten.
Live-Recherche-Disclaimer
Erkenntnisse vor Zitierung verifizieren über Rechtsinformationssystem des Bundes (ris bka gv at) und vfgh gv at. VfSlg-Nummerierung fortlaufend; in modernen Erkenntnissen zusaetzlich Aktenzeichen (G xxx/xxxx, V xxx/xxxx) zitieren.