Stufe 0b: Liegt ein Eingriff vor?
Erst wenn ein Eingriff vorliegt, stellt sich die Frage der Rechtfertigung. Eingriff ist nicht gleich Eingriff, deshalb hier zwei Pruefebenen.
Klassischer Eingriffsbegriff
Vier kumulative Merkmale:
- Final – gezielt auf die Beeintraechtigung gerichtet.
- Unmittelbar – ohne dazwischengeschaltete private Entscheidung.
- Rechtsfoermig – durch Rechtsakt (Gesetz, Verwaltungsakt, Urteil).
- Imperativ – mit Befehl und Zwang durchsetzbar.
Klassisches Beispiel: Polizeiliche Platzverweisung nach Paragraf 34 PolG NRW. Final auf das Verlassen des Ortes gerichtet, unmittelbar durchsetzbar, rechtsfoermig per Verwaltungsakt, imperativ mit Standardmassnahmen-Bewehrung.
Moderner Eingriffsbegriff
Jede dem Staat zurechenbare Beeintraechtigung. Entwickelt vom BVerfG vor allem für faktisch-mittelbare Eingriffe durch Informationshandeln und Subventionsentzug.
| Konstellation |
BVerfG mit Schlagwort |
Folge |
| Staatliches Informationshandeln |
BVerfGE 105, 252 (Glykol-Warnung) |
Faktischer Eingriff in Art 12 GG, Rechtfertigungsbeduerftig |
| Staatliche Warnung vor Sekte |
BVerfGE 105, 279 (Osho-Beschluss) |
Faktischer Eingriff in Art 4 GG |
| Mittelbare Diskriminierung durch Foerderbedingungen |
BVerfGE 7, 99 (Sender Freies Berlin) |
Eingriff in Art 5 I 2 GG |
| Beeintraechtigung durch private Akteure auf staatliche Anstiftung |
BVerfGE 90, 286 (Somalia-Einsatz) |
Zurechnung als staatlicher Eingriff |
| Sozialrechtliche Sanktion |
BVerfGE 152, 68 (Hartz-IV-Sanktionen) |
Eingriff in Art 1 I iVm Art 20 I GG, da Existenzminimum betroffen |
Pruefraster für den Eingriffsschritt
- Klassisches Eingriffsmuster prüfen.
- Wenn klassischer Eingriff verneint: moderner Eingriff prüfen (Zurechnung, Intensitaet, Finalitaet als Spiegelung).
- Sonderfall Schutzbereichsverkuerzung durch Dritte mit staatlicher Mitwirkung: Drittwirkung nach BVerfGE 7, 198 (Lueth-Urteil) und BVerfGE 89, 214 (Buergschaft) ansprechen.
Eingriffsschwere als Vorausweis für die Stufen 3 und 4
Die Eingriffsschwere bestimmt mit, wie streng später Erforderlichkeit und Angemessenheit gepruet werden:
- Bagatelle: oft schon auf Geeignetheit/Erforderlichkeit grobe Vertretbarkeitskontrolle.
- Mittlerer Eingriff: Standardpruefung mit Vertretbarkeitskontrolle.
- Schwerer Eingriff in Kernbereich: Intensive Kontrolle, ggf absolute Grenzen (Art 1 I, Art 19 II GG, Existenzminimum).
Quellen mit Schlagwort
- BVerfGE 7, 99 (Sender Freies Berlin, mittelbarer Eingriff in Art 5 I 2 GG)
- BVerfGE 7, 198 (Lueth-Urteil, Drittwirkung)
- BVerfGE 89, 214 (Buergschaft, Privatautonomie und grundrechtliche Schutzpflicht)
- BVerfGE 90, 286 (Somalia-Einsatz, Auslandseinsaetze der Bundeswehr)
- BVerfGE 105, 252 (Glykol-Warnung, Informationshandeln als Eingriff)
- BVerfGE 105, 279 (Osho-Beschluss, staatliche Sektenwarnung)
- BVerfGE 152, 68 (Hartz-IV-Sanktionen, Existenzminimum)
1---2name: vorpruefung-eingriff-klassisch-modern3description: Für Stufe 0b: Liegt ein Eingriff vor?: ordnet Norm, Beweislast und Gegenargument; Ergebnis: Tatbestands- oder Anspruchsmatrix.4---56# Stufe 0b: Liegt ein Eingriff vor?78> Erst wenn ein Eingriff vorliegt, stellt sich die Frage der Rechtfertigung. Eingriff ist nicht gleich Eingriff, deshalb hier zwei Pruefebenen.910## Klassischer Eingriffsbegriff1112Vier kumulative Merkmale:13141. **Final** – gezielt auf die Beeintraechtigung gerichtet.152. **Unmittelbar** – ohne dazwischengeschaltete private Entscheidung.163. **Rechtsfoermig** – durch Rechtsakt (Gesetz, Verwaltungsakt, Urteil).174. **Imperativ** – mit Befehl und Zwang durchsetzbar.1819Klassisches Beispiel: Polizeiliche Platzverweisung nach Paragraf 34 PolG NRW. Final auf das Verlassen des Ortes gerichtet, unmittelbar durchsetzbar, rechtsfoermig per Verwaltungsakt, imperativ mit Standardmassnahmen-Bewehrung.2021## Moderner Eingriffsbegriff2223Jede dem Staat zurechenbare Beeintraechtigung. Entwickelt vom BVerfG vor allem für faktisch-mittelbare Eingriffe durch Informationshandeln und Subventionsentzug.2425| Konstellation | BVerfG mit Schlagwort | Folge |26| --- | --- | --- |27| Staatliches Informationshandeln | BVerfGE 105, 252 (Glykol-Warnung) | Faktischer Eingriff in Art 12 GG, Rechtfertigungsbeduerftig |28| Staatliche Warnung vor Sekte | BVerfGE 105, 279 (Osho-Beschluss) | Faktischer Eingriff in Art 4 GG |29| Mittelbare Diskriminierung durch Foerderbedingungen | BVerfGE 7, 99 (Sender Freies Berlin) | Eingriff in Art 5 I 2 GG |30| Beeintraechtigung durch private Akteure auf staatliche Anstiftung | BVerfGE 90, 286 (Somalia-Einsatz) | Zurechnung als staatlicher Eingriff |31| Sozialrechtliche Sanktion | BVerfGE 152, 68 (Hartz-IV-Sanktionen) | Eingriff in Art 1 I iVm Art 20 I GG, da Existenzminimum betroffen |3233## Pruefraster für den Eingriffsschritt34351. Klassisches Eingriffsmuster prüfen.362. Wenn klassischer Eingriff verneint: moderner Eingriff prüfen (Zurechnung, Intensitaet, Finalitaet als Spiegelung).373. Sonderfall **Schutzbereichsverkuerzung durch Dritte** mit staatlicher Mitwirkung: Drittwirkung nach BVerfGE 7, 198 (Lueth-Urteil) und BVerfGE 89, 214 (Buergschaft) ansprechen.3839## Eingriffsschwere als Vorausweis für die Stufen 3 und 44041Die Eingriffsschwere bestimmt mit, wie streng später Erforderlichkeit und Angemessenheit gepruet werden:4243- **Bagatelle**: oft schon auf Geeignetheit/Erforderlichkeit grobe Vertretbarkeitskontrolle.44- **Mittlerer Eingriff**: Standardpruefung mit Vertretbarkeitskontrolle.45- **Schwerer Eingriff in Kernbereich**: Intensive Kontrolle, ggf absolute Grenzen (Art 1 I, Art 19 II GG, Existenzminimum).4647## Quellen mit Schlagwort4849- BVerfGE 7, 99 (Sender Freies Berlin, mittelbarer Eingriff in Art 5 I 2 GG)50- BVerfGE 7, 198 (Lueth-Urteil, Drittwirkung)51- BVerfGE 89, 214 (Buergschaft, Privatautonomie und grundrechtliche Schutzpflicht)52- BVerfGE 90, 286 (Somalia-Einsatz, Auslandseinsaetze der Bundeswehr)53- BVerfGE 105, 252 (Glykol-Warnung, Informationshandeln als Eingriff)54- BVerfGE 105, 279 (Osho-Beschluss, staatliche Sektenwarnung)55- BVerfGE 152, 68 (Hartz-IV-Sanktionen, Existenzminimum)