Wesentlichkeitstheorie und Parlamentsvorbehalt
Bestimmte grundrechtsrelevante Entscheidungen muss der parlamentarische Gesetzgeber selbst treffen. Er darf sie nicht der Verwaltung ueberlassen.
Dogmatische Verortung
- Wurzelt im Demokratieprinzip Art 20 I, II GG und im Rechtsstaatsprinzip Art 20 III GG.
- Eng verbunden mit Bestimmtheitsanforderungen und dem Gesetzesvorbehalt jedes Eingriffsgrundrechts.
- Vom BVerfG entwickelt seit der Schul-Rspr der 1970er Jahre (Sexualkundeunterricht, Foerderstufe).
Kernsatz
Je grundrechtsrelevanter eine Frage ist, desto eher muss der Gesetzgeber sie selbst entscheiden. Umgekehrt: Routine- und Detailfragen können an Rechtsverordnungen oder Satzungen delegiert werden, wenn Art 80 I GG (Inhalt, Zweck, Ausmass) eingehalten ist.
Anwendungsbeispiele
| Bereich |
Entscheidung |
Schlagwort |
Aussage |
| Schulrecht |
BVerfGE 47, 46 |
Sexualkundeunterricht |
Wesentliches Bildungsziel beduerfte parlamentarischer Entscheidung |
| Schulrecht |
BVerfGE 45, 400 |
Foerderstufe |
Schulartwahl als wesentliche Entscheidung |
| Beamtenrecht |
BVerfGE 33, 125 |
Facharztstandard |
Berufsregelung wesentlich, gesetzliche Grundlage erforderlich |
| Atomrecht |
BVerfGE 49, 89 |
Kalkar I |
Genehmigungspflicht und Restrisiko als wesentliche Frage |
| Bundeswehr |
BVerfGE 90, 286 |
Somalia-Einsatz |
Auslandseinsatz beduerfte konstitutiver Parlamentsbeteiligung |
| Klima |
BVerfGE 157, 30 |
Klimaschutz-Beschluss |
Wesentliche Belastungsverteilung in die Zukunft braucht parlamentarische Steuerung |
Prüfraster
- Grundrechtsrelevanz der Regelung prüfen.
- Schwere des Eingriffs einschaetzen.
- Reichweite und Generalitaet der Auswirkungen.
- Sachliche Notwendigkeit flexibler Anpassung (Verordnungsspielraum).
- Art 80 I GG: Inhalt, Zweck, Ausmass der Verordnungsermaechtigung.
Folge bei Verstoss
Verstoss gegen den Parlamentsvorbehalt fuehrt zur Verfassungswidrigkeit der Verordnung oder Verwaltungsvorschrift, ohne dass es noch auf Verhältnismäßigkeit ankaeme. Bei einer gesetzlichen Regelung kann die Wesentlichkeitsfrage in der Bestimmtheitspruefung mit aufgehen (siehe bestimmtheit-normklarheit-eingriffsgesetze).
Quellen mit Schlagwort
- BVerfGE 33, 125 (Facharztstandard, Berufsregelung)
- BVerfGE 45, 400 (Foerderstufe, Schulart)
- BVerfGE 47, 46 (Sexualkundeunterricht, Bildungswesen)
- BVerfGE 49, 89 (Kalkar I, Restrisiko)
- BVerfGE 90, 286 (Somalia-Einsatz, Parlamentsbeteiligung)
- BVerfGE 157, 30 (Klimaschutz-Beschluss, intertemporale Steuerung)
1---2name: wesentlichkeitstheorie-parlamentsvorbehalt3description: Für Wesentlichkeitstheorie und Parlamentsvorbehalt: ordnet Norm, Beweislast und Gegenargument; Ergebnis: Prüfprodukt mit Risiko und nächstem Schritt.4---56# Wesentlichkeitstheorie und Parlamentsvorbehalt78> Bestimmte grundrechtsrelevante Entscheidungen muss der parlamentarische Gesetzgeber **selbst** treffen. Er darf sie nicht der Verwaltung ueberlassen.910## Dogmatische Verortung1112- Wurzelt im Demokratieprinzip Art 20 I, II GG und im Rechtsstaatsprinzip Art 20 III GG.13- Eng verbunden mit Bestimmtheitsanforderungen und dem Gesetzesvorbehalt jedes Eingriffsgrundrechts.14- Vom BVerfG entwickelt seit der Schul-Rspr der 1970er Jahre (Sexualkundeunterricht, Foerderstufe).1516## Kernsatz1718Je grundrechtsrelevanter eine Frage ist, desto eher muss der Gesetzgeber sie **selbst** entscheiden. Umgekehrt: Routine- und Detailfragen können an Rechtsverordnungen oder Satzungen delegiert werden, wenn Art 80 I GG (Inhalt, Zweck, Ausmass) eingehalten ist.1920## Anwendungsbeispiele2122| Bereich | Entscheidung | Schlagwort | Aussage |23| --- | --- | --- | --- |24| Schulrecht | BVerfGE 47, 46 | Sexualkundeunterricht | Wesentliches Bildungsziel beduerfte parlamentarischer Entscheidung |25| Schulrecht | BVerfGE 45, 400 | Foerderstufe | Schulartwahl als wesentliche Entscheidung |26| Beamtenrecht | BVerfGE 33, 125 | Facharztstandard | Berufsregelung wesentlich, gesetzliche Grundlage erforderlich |27| Atomrecht | BVerfGE 49, 89 | Kalkar I | Genehmigungspflicht und Restrisiko als wesentliche Frage |28| Bundeswehr | BVerfGE 90, 286 | Somalia-Einsatz | Auslandseinsatz beduerfte konstitutiver Parlamentsbeteiligung |29| Klima | BVerfGE 157, 30 | Klimaschutz-Beschluss | Wesentliche Belastungsverteilung in die Zukunft braucht parlamentarische Steuerung |3031## Prüfraster32331. **Grundrechtsrelevanz** der Regelung prüfen.342. **Schwere** des Eingriffs einschaetzen.353. **Reichweite** und Generalitaet der Auswirkungen.364. **Sachliche Notwendigkeit** flexibler Anpassung (Verordnungsspielraum).375. **Art 80 I GG**: Inhalt, Zweck, Ausmass der Verordnungsermaechtigung.3839## Folge bei Verstoss4041Verstoss gegen den Parlamentsvorbehalt fuehrt zur Verfassungswidrigkeit der Verordnung oder Verwaltungsvorschrift, ohne dass es noch auf Verhältnismäßigkeit ankaeme. Bei einer gesetzlichen Regelung kann die Wesentlichkeitsfrage in der Bestimmtheitspruefung mit aufgehen (siehe `bestimmtheit-normklarheit-eingriffsgesetze`).4243## Quellen mit Schlagwort4445- BVerfGE 33, 125 (Facharztstandard, Berufsregelung)46- BVerfGE 45, 400 (Foerderstufe, Schulart)47- BVerfGE 47, 46 (Sexualkundeunterricht, Bildungswesen)48- BVerfGE 49, 89 (Kalkar I, Restrisiko)49- BVerfGE 90, 286 (Somalia-Einsatz, Parlamentsbeteiligung)50- BVerfGE 157, 30 (Klimaschutz-Beschluss, intertemporale Steuerung)