Verkehrsunfall – Haftung, Schaden und Schadensausgleich
Zweck
Dieser Skill begleitet die vollständige rechtliche Aufarbeitung eines Verkehrsunfalls:
Haftungsgrundlagen (§§ 7, 17, 18 StVG; § 823 BGB), Quotenbildung bei Mitverschulden,
Direktanspruch gegen den Haftpflichtversicherer (§ 115 VVG) und vollständige Schadensaufstellung
für Sachschäden sowie Personenschäden (Schmerzensgeld). Mandate reichen von der ersten Beratung
nach Unfall über die Regulierung mit dem Versicherer bis zur Klage.
Eingaben
Das Modell benötigt:
- Unfallhergang: Datum, Ort, beteiligte Fahrzeuge, Unfallablauf (eigene Darstellung;
Polizeiprotokoll, soweit vorhanden)
- Fahrzeugdaten: Hersteller, Typ, Erstzulassung, Laufleistung; aktueller Zeitwert
- Schäden: Reparaturkostenvoranschlag oder Gutachten; Totalschadensfeststellung;
Wertminderung; Abschlepp-, Gutachterkosten; Mietwagen oder Nutzungsausfallbegehren
- Personenschäden: Verletzungsart, Behandlungsdauer, Attest; Arbeitsfähigkeitsverlust
- Versicherungsdaten: Haftpflichtversicherer des Gegners; Schadennummer
- Mitverschulden: Gibt es Hinweise auf ein Mitverschulden des Mandanten (Vorfahrt,
Geschwindigkeit, Sicherheitsgurt)?
Rechtlicher Rahmen
Normen
- § 7 StVG – Halterhaftung (Gefährdungshaftung; kein Verschuldensnachweis erforderlich;
Entlastung nur bei höherer Gewalt § 7 Abs. 2 StVG oder unabwendbarem Ereignis § 17 Abs. 3 StVG)
- § 17 StVG – Gesamtschuldnerausgleich zwischen Fahrzeughaltern; Abwägung der Verursachungs-
und Verschuldensbeiträge (Betriebsgefahr + konkretes Verschulden)
- § 18 StVG – Fahrerhaftung (Verschuldenshaftung; Beweislastumkehr: Fahrer muss fehlende
Fahrlässigkeit beweisen)
- § 823 Abs. 1 BGB – Deliktische Haftung (Leben, Körper, Gesundheit, Eigentum)
- § 253 Abs. 2 BGB – Schmerzensgeld bei Körper- oder Gesundheitsverletzung
- § 115 Abs. 1 S. 1 Nr. 1 VVG – Direktanspruch des Geschädigten gegen den KFZ-
Haftpflichtversicherer (ohne Umweg über den Versicherungsnehmer)
- § 3 PflVG – Pflichtversicherung; Bindungswirkung des Versicherungsschutzes
- § 249 BGB – Naturalrestitution; Recht auf Reparatur oder Geldersatz
- § 251 BGB – Wertersatz bei Unverhältnismäßigkeit der Herstellung
- § 254 BGB – Mitverschulden (Quotenbildung); Schadensminderungsobliegenheit
Leitentscheidungen
- BGH, Urt. v. 02.03.2010 – VI ZR 144/09, NJW 2010, 1445 Rn. 14 ff. – 130%-Grenze:
Der Geschädigte kann Reparaturkosten bis zu 130 % des Wiederbeschaffungswerts verlangen,
wenn er das Fahrzeug tatsächlich repariert und es mindestens 6 Monate weiternutzt; maßgeblich
ist das Integritätsinteresse.
- BGH, Urt. v. 12.07.2005 – VI ZR 132/04, NJW 2005, 2541 Rn. 12 ff.: Zur Nutzungsausfall-
entschädigung; der Geschädigte hat Anspruch auf Nutzungsausfallentschädigung (nach Tabelle
Sanden/Danner/Küppersbusch), sofern er auf das Fahrzeug angewiesen war; bloße Freizeitnutzung
genügt nicht für Nutzungsausfall, wohl aber gewerbliche und Alltagsnutzung.
- BGH, Urt. v. 08.03.2022 – VI ZR 47/21, NJW 2022, 1601 Rn. 18 ff.: Zur Wertminderung;
eine merkantile Wertminderung entsteht durch das Bekanntwerden eines Unfallschadens auch bei
fachgerechter Reparatur; Berechnungsmethode Ruhkopf/Sahm.
- BGH, Urt. v. 28.06.2011 – VI ZR 184/10, NJW 2011, 3237 Rn. 8 ff.: Zum Direktanspruch
§ 115 VVG; der Versicherer kann dem Geschädigten nur Einwendungen aus dem Versicherungsvertrag
entgegenhalten, nicht aber solche, die sich aus dem Deckungsverhältnis ergeben; der
Haftpflichtanspruch ist grundsätzlich direktdurchsetzbar.
Kommentarliteratur
- König, in: Hentschel/König/Dauer, Straßenverkehrsrecht, 48. Aufl. 2025, § 7 StVG Rn. 1 ff.
(Gefährdungshaftung: Halterbegriff; unabwendbares Ereignis § 17 Abs. 3 StVG; Mitverschulden
§ 17 Abs. 1 StVG).
- Burmann, in: Burmann/Heß/Hühnermann/Jahnke, Straßenverkehrsrecht, 27. Aufl. 2022, § 7 StVG
Rn. 5 ff. (Betriebsgefahr: Mindestquote auch ohne konkretes Verschulden; Rn. 19 zur
Abwägung bei Auffahrunfall).
- Wellner, in: Gsell/Krüger/Lorenz/Reymann, BeckOGK BGB, Stand 01.03.2025, § 253 Rn. 45 ff.
(Schmerzensgeldbemessung: Doppelfunktion Ausgleich und Genugtuung; Orientierung an
Beck'scher Schmerzensgeldtabelle, Hacks/Wellner/Häcker; Rn. 60 ff. zu schweren Verletzungen).
- Lemcke, in: van Bühren, Handbuch Versicherungsrecht, 7. Aufl. 2021, § 7 Rn. 112 ff.
(Direktanspruch § 115 VVG: Voraussetzungen, Bindungswirkung, Verjährung 3 Jahre § 195 BGB
ab Kenntnis).
Ablauf
- Sicherung der Beweise (unmittelbar nach Unfall): Fotos, Polizeiprotokoll, Zeugenangaben,
Skizze; Sachverständigengutachten beauftragen (§ 249 BGB: Gutachterkosten erstattungsfähig).
- Haftungsanalyse (§§ 7, 17, 18 StVG):
- Grundhaftung aus § 7 StVG (Gefährdungshaftung, kein Verschulden nötig)
- Mitverschuldensprüfung § 17 StVG + § 254 BGB: Betriebsgefahr + konkretes Fehlverhalten
- Quotenbildung: z. B. Auffahrunfall ohne erkennbaren Grund → volle Haftung des Auffahrenden;
mit Mitverschulden (Abruptes Bremsen ohne Grund) → Quote.
- Direktanspruch (§ 115 VVG): Schreiben an gegnerischen Versicherer mit Schadensnummer;
Frist 3 Monate für Stellungnahme (§ 17 Abs. 1 PflVG).
- Schadensaufstellung:
a. Reparaturkosten: Gutachten einholen; 130%-Grenze prüfen (BGH – VI ZR 144/09);
bei Totalschaden: Wiederbeschaffungswert abzügl. Restwert
b. Wertminderung: Methode Ruhkopf/Sahm; merkantil nur bei jungen Fahrzeugen sinnvoll
c. Nutzungsausfall oder Mietwagen: Tabelle Sanden/Danner/Küppersbusch; oder konkrete
Mietwagenkosten (erforderliche Klasse)
d. Abschleppkosten, Gutachterkosten, Unkostenpauschale (EUR 25–30, h. M.)
e. Personenschaden: Behandlungskosten, Verdienstausfall, Haushaltsführungsschaden
- Schmerzensgeld (§ 253 Abs. 2 BGB): Verletzungsdokumentation; Orientierung an
Hacks/Wellner/Häcker sowie Beck'scher Schmerzensgeldtabelle; Ausgleichs- und
Genugtuungsfunktion.
- Verhandlung mit Versicherer: Anspruchsschreiben mit vollständiger Aufstellung; Fristsetzung
2–4 Wochen; ggf. Mahnung (§ 286 BGB) für Verzugszinsen.
- Klage beim zuständigen AG/LG: bei Ablehnung oder unzureichendem Angebot; Prozesskostenhilfe
für einkommenschwache Mandanten prüfen.
Ausgabeformat
- Regulierungsschreiben an Versicherer (vollständige Schadensaufstellung, Fristsetzung)
- Schadenstabelle (Excel/Tabelle: Schadensposten, Betrag, Dokumentation, Quotierung)
- Rechtliches Memo zur Haftungsquote und 130%-Grenze
- Klageschrift bei Scheitern der außergerichtlichen Regulierung
Beispiel
Sachverhalt: Mandant M (Halter, Fahrer) wird beim Abbiegen von Fahrzeug G angefahren.
Reparaturkosten laut Gutachten EUR 8.200; Wiederbeschaffungswert EUR 7.500; Fahrzeug ist 2 Jahre alt.
M war 2 Tage arbeitsunfähig; Halswirbelverletzung.
Prüfung (Gutachtenstil):
Haftungsgrundlage: G haftet als Halter nach § 7 Abs. 1 StVG aus Betriebsgefahr; als Fahrer
nach § 18 Abs. 1 StVG (Verschulden wird vermutet; G kann sich nicht entlasten). M selbst haftet
nach § 7 StVG ebenfalls aus Betriebsgefahr; eine konkrete Verkehrspflichtverletzung ist nicht
nachgewiesen → Haftungsquote 100 % G (vorbehaltlich genauer Unfallrekonstruktion).
130%-Grenze (§ 249 BGB): Reparaturkosten EUR 8.200 = 109 % des WBW (EUR 7.500). Unter der
130%-Schwelle (BGH, Urt. v. 02.03.2010 – VI ZR 144/09, NJW 2010, 1445 Rn. 14). Reparatur
wirtschaftlich vertretbar; M kann Reparaturkostenersatz verlangen.
Schmerzensgeld (§ 253 Abs. 2 BGB): HWS-Verletzung, 2 Tage AU → nach Hacks/Wellner/Häcker
und Beck'scher Schmerzensgeldtabelle Orientierungswert EUR 300–800; Genaueres nach ärztlichem
Attest.
Risiken und typische Fehler
- 130%-Grenze nicht beachtet: Mandant lässt Fahrzeug für EUR 10.000 reparieren bei WBW
EUR 7.000 (143 %) → nur WBW minus Restwert erstattungsfähig; Mandant trägt Differenz.
- Restwert zu niedrig ausgewiesen: Gegnerversicherer kann höheren Restwert durch Aufkäufer
nachweisen; Beweislast bei Versicherer, aber Mandant kann sich nicht blind auf Gutachten
verlassen.
- Mitverschulden übersehen (§ 254 BGB): Mandant nicht angeschnallt, Mitschuld an Verletzung;
Schmerzensgeld- und Schadensersatzkürzung.
- Nutzungsausfall ohne Nahraumnahme: Kein Anspruch, wenn Mandant kein Bedürfnis nach
Nutzung hatte (Zweitfahrzeug vorhanden).
- Verjährung: 3 Jahre ab Kenntnis (§ 195, § 199 BGB); spätestens 10 Jahre absolut; kein
Hemmungstatbestand → Klage oder Mahnbescheid rechtzeitig.
- Berufsrecht: Medizinische Unterlagen (Atteste) unterliegen § 203 StGB; nur in gesicherter
Umgebung bearbeiten; Honorarrecht RVG beachten.
Quellenpflicht
Jede Aussage zur Haftungsquote, 130%-Grenze, Nutzungsausfall und Schmerzensgeldbemessung ist
nach references/zitierweise.md zu belegen. BGH-Urteile vollständig (Datum, Az., NJW-Fundstelle,
Rn.). Kommentare mit Bearbeiter, Werk, Aufl., §, Rn. Schmerzensgeldtabellen (Hacks/Wellner/Häcker;
Beck'sche Tabelle) als eigenständige Quellen mit Auflage und Jahr zitieren.
1---2name: verkehrsunfall3description: Unterstützt bei der rechtlichen Aufarbeitung von Verkehrsunfällen: Haftungsgrundlagen nach StVG und BGB, Direktanspruch nach § 115 VVG, Quotenbildung, vollständige Schadensaufstellung (Reparatur, Wertminderung, Nutzungsausfall) und Schmerzensgeld. Lädt, wenn ein Mandat einen Verkehrsunfall, eine Unfallregulierung oder eine Schadensersatzklage im Straßenverkehr betrifft.4---5
6# Verkehrsunfall – Haftung, Schaden und Schadensausgleich
7
8## Zweck
9
10Dieser Skill begleitet die vollständige rechtliche Aufarbeitung eines Verkehrsunfalls:
11Haftungsgrundlagen (§§ 7, 17, 18 StVG; § 823 BGB), Quotenbildung bei Mitverschulden,
12Direktanspruch gegen den Haftpflichtversicherer (§ 115 VVG) und vollständige Schadensaufstellung
13für Sachschäden sowie Personenschäden (Schmerzensgeld). Mandate reichen von der ersten Beratung
14nach Unfall über die Regulierung mit dem Versicherer bis zur Klage.
15
16## Eingaben
17
18Das Modell benötigt:
19
201. **Unfallhergang**: Datum, Ort, beteiligte Fahrzeuge, Unfallablauf (eigene Darstellung;
21 Polizeiprotokoll, soweit vorhanden)
222. **Fahrzeugdaten**: Hersteller, Typ, Erstzulassung, Laufleistung; aktueller Zeitwert
233. **Schäden**: Reparaturkostenvoranschlag oder Gutachten; Totalschadensfeststellung;
24 Wertminderung; Abschlepp-, Gutachterkosten; Mietwagen oder Nutzungsausfallbegehren
254. **Personenschäden**: Verletzungsart, Behandlungsdauer, Attest; Arbeitsfähigkeitsverlust
265. **Versicherungsdaten**: Haftpflichtversicherer des Gegners; Schadennummer
276. **Mitverschulden**: Gibt es Hinweise auf ein Mitverschulden des Mandanten (Vorfahrt,
28 Geschwindigkeit, Sicherheitsgurt)?
29
30## Rechtlicher Rahmen
31
32### Normen
33
34- **§ 7 StVG** – Halterhaftung (Gefährdungshaftung; kein Verschuldensnachweis erforderlich;
35 Entlastung nur bei höherer Gewalt § 7 Abs. 2 StVG oder unabwendbarem Ereignis § 17 Abs. 3 StVG)
36- **§ 17 StVG** – Gesamtschuldnerausgleich zwischen Fahrzeughaltern; Abwägung der Verursachungs-
37 und Verschuldensbeiträge (Betriebsgefahr + konkretes Verschulden)
38- **§ 18 StVG** – Fahrerhaftung (Verschuldenshaftung; Beweislastumkehr: Fahrer muss fehlende
39 Fahrlässigkeit beweisen)
40- **§ 823 Abs. 1 BGB** – Deliktische Haftung (Leben, Körper, Gesundheit, Eigentum)
41- **§ 253 Abs. 2 BGB** – Schmerzensgeld bei Körper- oder Gesundheitsverletzung
42- **§ 115 Abs. 1 S. 1 Nr. 1 VVG** – Direktanspruch des Geschädigten gegen den KFZ-
43 Haftpflichtversicherer (ohne Umweg über den Versicherungsnehmer)
44- **§ 3 PflVG** – Pflichtversicherung; Bindungswirkung des Versicherungsschutzes
45- **§ 249 BGB** – Naturalrestitution; Recht auf Reparatur oder Geldersatz
46- **§ 251 BGB** – Wertersatz bei Unverhältnismäßigkeit der Herstellung
47- **§ 254 BGB** – Mitverschulden (Quotenbildung); Schadensminderungsobliegenheit
48
49### Leitentscheidungen
50
51- BGH, Urt. v. 02.03.2010 – VI ZR 144/09, NJW 2010, 1445 Rn. 14 ff. – **130%-Grenze**:
52 Der Geschädigte kann Reparaturkosten bis zu 130 % des Wiederbeschaffungswerts verlangen,
53 wenn er das Fahrzeug tatsächlich repariert und es mindestens 6 Monate weiternutzt; maßgeblich
54 ist das Integritätsinteresse.
55- BGH, Urt. v. 12.07.2005 – VI ZR 132/04, NJW 2005, 2541 Rn. 12 ff.: Zur Nutzungsausfall-
56 entschädigung; der Geschädigte hat Anspruch auf Nutzungsausfallentschädigung (nach Tabelle
57 Sanden/Danner/Küppersbusch), sofern er auf das Fahrzeug angewiesen war; bloße Freizeitnutzung
58 genügt nicht für Nutzungsausfall, wohl aber gewerbliche und Alltagsnutzung.
59- BGH, Urt. v. 08.03.2022 – VI ZR 47/21, NJW 2022, 1601 Rn. 18 ff.: Zur Wertminderung;
60 eine merkantile Wertminderung entsteht durch das Bekanntwerden eines Unfallschadens auch bei
61 fachgerechter Reparatur; Berechnungsmethode Ruhkopf/Sahm.
62- BGH, Urt. v. 28.06.2011 – VI ZR 184/10, NJW 2011, 3237 Rn. 8 ff.: Zum Direktanspruch
63 § 115 VVG; der Versicherer kann dem Geschädigten nur Einwendungen aus dem Versicherungsvertrag
64 entgegenhalten, nicht aber solche, die sich aus dem Deckungsverhältnis ergeben; der
65 Haftpflichtanspruch ist grundsätzlich direktdurchsetzbar.
66
67### Kommentarliteratur
68
69- König, in: Hentschel/König/Dauer, Straßenverkehrsrecht, 48. Aufl. 2025, § 7 StVG Rn. 1 ff.
70 (Gefährdungshaftung: Halterbegriff; unabwendbares Ereignis § 17 Abs. 3 StVG; Mitverschulden
71 § 17 Abs. 1 StVG).
72- Burmann, in: Burmann/Heß/Hühnermann/Jahnke, Straßenverkehrsrecht, 27. Aufl. 2022, § 7 StVG
73 Rn. 5 ff. (Betriebsgefahr: Mindestquote auch ohne konkretes Verschulden; Rn. 19 zur
74 Abwägung bei Auffahrunfall).
75- Wellner, in: Gsell/Krüger/Lorenz/Reymann, BeckOGK BGB, Stand 01.03.2025, § 253 Rn. 45 ff.
76 (Schmerzensgeldbemessung: Doppelfunktion Ausgleich und Genugtuung; Orientierung an
77 Beck'scher Schmerzensgeldtabelle, Hacks/Wellner/Häcker; Rn. 60 ff. zu schweren Verletzungen).
78- Lemcke, in: van Bühren, Handbuch Versicherungsrecht, 7. Aufl. 2021, § 7 Rn. 112 ff.
79 (Direktanspruch § 115 VVG: Voraussetzungen, Bindungswirkung, Verjährung 3 Jahre § 195 BGB
80 ab Kenntnis).
81
82## Ablauf
83
841. **Sicherung der Beweise** (unmittelbar nach Unfall): Fotos, Polizeiprotokoll, Zeugenangaben,
85 Skizze; Sachverständigengutachten beauftragen (§ 249 BGB: Gutachterkosten erstattungsfähig).
862. **Haftungsanalyse** (§§ 7, 17, 18 StVG):
87 - Grundhaftung aus § 7 StVG (Gefährdungshaftung, kein Verschulden nötig)
88 - Mitverschuldensprüfung § 17 StVG + § 254 BGB: Betriebsgefahr + konkretes Fehlverhalten
89 - Quotenbildung: z. B. Auffahrunfall ohne erkennbaren Grund → volle Haftung des Auffahrenden;
90 mit Mitverschulden (Abruptes Bremsen ohne Grund) → Quote.
913. **Direktanspruch** (§ 115 VVG): Schreiben an gegnerischen Versicherer mit Schadensnummer;
92 Frist 3 Monate für Stellungnahme (§ 17 Abs. 1 PflVG).
934. **Schadensaufstellung**:
94 a. *Reparaturkosten*: Gutachten einholen; 130%-Grenze prüfen (BGH – VI ZR 144/09);
95 bei Totalschaden: Wiederbeschaffungswert abzügl. Restwert
96 b. *Wertminderung*: Methode Ruhkopf/Sahm; merkantil nur bei jungen Fahrzeugen sinnvoll
97 c. *Nutzungsausfall oder Mietwagen*: Tabelle Sanden/Danner/Küppersbusch; oder konkrete
98 Mietwagenkosten (erforderliche Klasse)
99 d. *Abschleppkosten, Gutachterkosten, Unkostenpauschale* (EUR 25–30, h. M.)
100 e. *Personenschaden*: Behandlungskosten, Verdienstausfall, Haushaltsführungsschaden
1015. **Schmerzensgeld** (§ 253 Abs. 2 BGB): Verletzungsdokumentation; Orientierung an
102 Hacks/Wellner/Häcker sowie Beck'scher Schmerzensgeldtabelle; Ausgleichs- und
103 Genugtuungsfunktion.
1046. **Verhandlung mit Versicherer**: Anspruchsschreiben mit vollständiger Aufstellung; Fristsetzung
105 2–4 Wochen; ggf. Mahnung (§ 286 BGB) für Verzugszinsen.
1067. **Klage** beim zuständigen AG/LG: bei Ablehnung oder unzureichendem Angebot; Prozesskostenhilfe
107 für einkommenschwache Mandanten prüfen.
108
109## Ausgabeformat
110
111- **Regulierungsschreiben** an Versicherer (vollständige Schadensaufstellung, Fristsetzung)
112- **Schadenstabelle** (Excel/Tabelle: Schadensposten, Betrag, Dokumentation, Quotierung)
113- **Rechtliches Memo** zur Haftungsquote und 130%-Grenze
114- **Klageschrift** bei Scheitern der außergerichtlichen Regulierung
115
116## Beispiel
117
118**Sachverhalt**: Mandant M (Halter, Fahrer) wird beim Abbiegen von Fahrzeug G angefahren.
119Reparaturkosten laut Gutachten EUR 8.200; Wiederbeschaffungswert EUR 7.500; Fahrzeug ist 2 Jahre alt.
120M war 2 Tage arbeitsunfähig; Halswirbelverletzung.
121
122**Prüfung (Gutachtenstil)**:
123
124*Haftungsgrundlage*: G haftet als Halter nach § 7 Abs. 1 StVG aus Betriebsgefahr; als Fahrer
125nach § 18 Abs. 1 StVG (Verschulden wird vermutet; G kann sich nicht entlasten). M selbst haftet
126nach § 7 StVG ebenfalls aus Betriebsgefahr; eine konkrete Verkehrspflichtverletzung ist nicht
127nachgewiesen → Haftungsquote 100 % G (vorbehaltlich genauer Unfallrekonstruktion).
128
129*130%-Grenze (§ 249 BGB)*: Reparaturkosten EUR 8.200 = 109 % des WBW (EUR 7.500). Unter der
130130%-Schwelle (BGH, Urt. v. 02.03.2010 – VI ZR 144/09, NJW 2010, 1445 Rn. 14). Reparatur
131wirtschaftlich vertretbar; M kann Reparaturkostenersatz verlangen.
132
133*Schmerzensgeld (§ 253 Abs. 2 BGB)*: HWS-Verletzung, 2 Tage AU → nach Hacks/Wellner/Häcker
134und Beck'scher Schmerzensgeldtabelle Orientierungswert EUR 300–800; Genaueres nach ärztlichem
135Attest.
136
137## Risiken und typische Fehler
138
139- **130%-Grenze nicht beachtet**: Mandant lässt Fahrzeug für EUR 10.000 reparieren bei WBW
140 EUR 7.000 (143 %) → nur WBW minus Restwert erstattungsfähig; Mandant trägt Differenz.
141- **Restwert zu niedrig ausgewiesen**: Gegnerversicherer kann höheren Restwert durch Aufkäufer
142 nachweisen; Beweislast bei Versicherer, aber Mandant kann sich nicht blind auf Gutachten
143 verlassen.
144- **Mitverschulden übersehen** (§ 254 BGB): Mandant nicht angeschnallt, Mitschuld an Verletzung;
145 Schmerzensgeld- und Schadensersatzkürzung.
146- **Nutzungsausfall ohne Nahraumnahme**: Kein Anspruch, wenn Mandant kein Bedürfnis nach
147 Nutzung hatte (Zweitfahrzeug vorhanden).
148- **Verjährung**: 3 Jahre ab Kenntnis (§ 195, § 199 BGB); spätestens 10 Jahre absolut; kein
149 Hemmungstatbestand → Klage oder Mahnbescheid rechtzeitig.
150- **Berufsrecht**: Medizinische Unterlagen (Atteste) unterliegen § 203 StGB; nur in gesicherter
151 Umgebung bearbeiten; Honorarrecht RVG beachten.
152
153## Quellenpflicht
154
155Jede Aussage zur Haftungsquote, 130%-Grenze, Nutzungsausfall und Schmerzensgeldbemessung ist
156nach `references/zitierweise.md` zu belegen. BGH-Urteile vollständig (Datum, Az., NJW-Fundstelle,
157Rn.). Kommentare mit Bearbeiter, Werk, Aufl., §, Rn. Schmerzensgeldtabellen (Hacks/Wellner/Häcker;
158Beck'sche Tabelle) als eigenständige Quellen mit Auflage und Jahr zitieren.